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DruckversionEinem Freund senden

Liebe Netzwerker,
früher ging es ja gelegentlich noch ohne Netz und doppelten Boden. Heutzutage dagegen, da müssen wir alle vernetzt sein. Da müssen wir "netzwerken" oder wie das der Deutsche inzwischen ja auch auf Englisch so gerne sagt "networken". Deswegen bin ich auch bei Facebook. Da hat man Freunde. Ich hab an dieser Stelle ja schon einmal geschildert, wie toll das ist, von wildfremden Menschen Freundschaftsanfragen zu bekommen. ln der Regel fragen die an, teilen aber nicht mit, warum sie mein Freund werden möchten. Wenn ich dann deren Facebook-Seite anklicke, wird mir mitgeteilt, dass ich das erst darf, wenn ich mit ihnen befreundet bin. Im Klartext: Der mögliche Freundschaftsgrund wird so lange verschwiegen. bis die Freundschaft zustande gekommen ist. Ich ignoriere solche Anfragen mit einiger Hartnäckigkeit.
Aber manche Anfragen kann man ja nicht ignorieren. Die kommen von Leuten, die man kennt. Oder die man schon immer gerne kennen wollte. Und von denen man sich dann wenig später fragt, wie das passieren konnte, dass man die kennt oder kennen wollte. Denn sobald die Freundschaft geschlossen ist, erfahre ich ja alles, was diese Menschen gerne mitteilen wollen.
Ganz viele von denen zum Beispiel wollen mir mitteilen, was sie gerade gegessen haben. Ja, das schreiben sie nicht nur auf, das fotografieren sie auch. Ich habe in den vergangenen 24 Stunden Fotos von einer Pizza, einer Bratwurst, einer verweichlichten Portion Nudeln und von einer Frikadelle geschickt bekommen. Das wirft jetzt eine Frage auf. Nämlich diese hier: WARUM???
Warum sind Leute der Meinung, es würde mich interessieren, wie die Frikadelle ausgesehen hat, die sie gerade verzehrt haben? Ich kenne die Frikadelle nicht. Ihr Schicksal ist mir egal. Ich brauche auch nicht so wichtige Zusatzmitteilungen wie diese hier: .,Mmmmhhhh!" Und auch nicht die daraus entstehenden Diskussionen mit anderen Facebook-Menschen, die dann prompt daneben schreiben: „Scharfer oder mittelscharfer Senf?“
Neulich war ich so genervt, dass ich auch was geschrieben habe: "Scharfer oder mittelscharfer Unsinn?" Das allerdings hätte ich besser nicht gemacht. Erstens hat mir der Frikadellenesser die Freundschaft gekündigt. Jetzt nicht bei Facebock, sonst hätte er mir ja nicht mehr schreiben können. Nein, im richtigen Leben. Bei Facebock wollte er von mir wissen, was ich denn auf die alten Tage für ein Miesepeter geworden sei. Und privat hat er mir noch eine Mail geschickt, in der er sich kritische Anmerkungen meinerseits auf seiner Facebock- Seite mit Nachdruck verbeten hat. Inzwischen habe ich es kapiert. Die Leute wollen gar nicht netzwerken. Die wollen nur zeigen, wie klasse sie sind. Und zur Not eben, wie klasse die Frikadellen sind, die sie gerade verspeist haben. Ich glaube, so ein Netzwerk ist auf Dauer nix für mich. Da bin ich dann doch lieber Einzelgänger. Ich überlege schon, ob ich im Internet nicht ein Netzwerk für Einzelgänger aufmache. Jeder darf eine leere Seite einstellen. Und sonst nix.

 

Ausgeloggt
Tom Hegermann

Quelle: Westfalenpost 03.12.2011 / Tom Hegermann